Glas

Die Glas-Sammlung des Museums Grand Curtius

Diese außergewöhnliche Sammlung umfasst etwa zehntausend Stücke, die es ermöglichen, die Geschichte dieses zauberhaften Materials von der Antike bis heute nachzuverfolgen.

Der schicksalhafte Erwerb der Sammlung von Armand Baar (Lütticher Ingenieur, verstorben 1942) durch die Stadt Lüttich im Jahr 1952 ermöglichte eine erhebliche Bereicherung für die Abteilung für Glas des Museums für Archäologie und dekorative Kunst (Musée Curtius). Diese herausragende Sammlung enthält etwa 1860 Objekte von der Antike bis zum Ende des 18. Jahrhunderts – darunter zahlreiche Meisterwerke. Die Abteilung für Glas wurde 1959 unabhängig und die Stadt Lüttich verlieh ihr den Titel des Glasmuseums.
Zu den verschiedenen Abschnitten zählen Glas der Antike (ägyptisch, römisch, Naher Osten), islamisches Glas, venezianisches Glas und Glas nach venezianischer Art (einer der qualitativ und quantitativ reichhaltigsten Abschnitte), Kristall aus England und Böhmen sowie Glas aus europäischer Produktion des 17. und 18. Jahrhunderts (Lüttich, Niederlande, Frankreich, Deutschland, Spanien).

Ab den 1950er-Jahren gab es viele Erwerbungen, deren Ziel der Aufbau einer Sammlung war, die dem 19. und dem 20. Jahrhundert gewidmet sein sollte. Belgische Glasfabriken sind mit Produktionen aus den Kristallfabriken von Vonêche, den Glasfabriken von Chênée, Herbatte, Laeken, aus der Zentralregion (vor allem aus dem Hennegau) und einigen mehr gut vertreten. Sie ermöglichen es auch, die glasbezogene Geschichte der Cristalleries du Val Saint-Lambert seit ihrer Gründung 1826 nachzuverfolgen. Unterstrichen wird dies durch mehrere Meisterwerke wie der monumentalen Vase der neun Provinzen (1894),durch Jugendstil-Stücke von Léon Ledru, die Vase „Crépuscule“ („Dämmerung“) von Philippe Wolfers (1901), die „Riesen“-Vase der Gebrüder Muller (1906-1908) sowie die Skulptur „Die Trompeten von Jericho“ (1972) des Amerikaners Harvey K. Littleton, dem Begründer der „Studioglasbewegung“.

Die Epochen des Jugendstils (Emile Gallé, Gebrüder Daum, die Kristallwaren von Legras, Karl Koepping etc.), des Art déco (René Lalique, Charles Graffart, die Glaswaren von Scailmont, Boom etc.) und der 1950er-Jahre (skandinavisches, deutsches, österreichisches Design) sind am stärksten vertreten.  

Ein wunderbarer Rundgang, der von den Werken berühmter Schöpfer, Glaskünstler oder „Designer“ geprägt ist. Glanz, Farben und originelle Formen ziehen die Aufmerksamkeit der begeisterten Besucher auf sich.

Für die kleine Geschichte ...

 

Diese Skulptur aus dem Jahr 1982 (wie die berühmte "Medusa") ist Teil einer der typischsten Serien des Glasmachermeisters Louis Leloup, der 1929 in Seraing geboren wurde.

Anmerkung des Konservators

Diese prächtige Sammlung aus Glas und Kristall ist eine der schönsten der Welt. Sie verfügt über so viele Reichtümer, weil hier alle historischen Epochen seit der Antike sowie alle künstlerischen Stile vermischt werden. Was für ein Weg wurde hier schon zurückgelegt – seit der Geburt dieses magischen Materials, welche wahrscheinlich nur zufällig im Nahen Osten erfolgte. All diese Stücke wurden in einer Vielzahl von Glasbläsereien oder Ateliers in verschiedenen Ländern hergestellt, welche trotz der zahlreichen Einflüsse eine kulturelle Identität bewahrt haben.

Es ist auch zu bedenken, dass die Umsetzung all dieser Objekte viele menschliche Mühen erforderte, sei es um das gewünschte Material zu erhalten, es zu blasen, zu formen, zu verzieren, fertigzustellen etc. Männer, Frauen und sogar Kinder arbeiteten unter schwierigen und sehr harten Bedingungen, die ihre Lebenserwartung verkürzten – vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert in den großen Manufakturen bis zum Einsetzen der industriellen Mechanisierung.

Glas fasziniert: durch seinen Glanz, seine Transparenz, seine vielfältigen Formen, durch das Dekor, durch Farben und durch die verwendeten Texturen und Techniken. Schönheit ist subjektiv und manche Objekte gefallen oder werden abgelehnt. Doch bei Glas handelt es sich um ein märchenhaftes Material, das immer die Blicke auf sich zieht. 

Jean-Paul Philippart